Da wollen wir nicht hin

Das Jobcenter hatte sich geweigert, meine Miete zu zahlen, als guter Staatsbürger habe ich von meinem Widerspruchsrecht Gebrauch gemacht. Weil aber mein Widerspruch einen Tag zu spät beim Amt ankam, haben sie sich wiederum geweigert, meinen Widerspruch zu bearbeiten. Beim Amtstermin wurde mir freundlich gesagt:Den KÖNNEN sie nicht bearbeiten, das GEHT nicht. Als ich freundlich zurückfragte, WARUM das nicht geht, der Widerspruch ist doch da, sagte man mir ernsthaft: Da könnte ja jeder kommen, und wo kämen wir denn da hin. Ja, wo kämen wir denn da hin?, fragte ich, aber ich habe keine Antwort bekommen, ich sei eine kluge Person und könne mir das selber überlegen.

Hier das Ergebnis meiner Überlegungen:

Worst case I. Leute wohnen einfach irgendwo, ständig kommen neue Leute dazu und wollen auch wohnen, und es werden immer mehr und das mit dem Wohnen-wollen nimmt gar kein Ende, und schließlich bilden die sich alle ein, sie hätten ein Recht darauf irgendwo zu wohnen, und sehen nicht ein, warum sie das nicht sollen. – Es gelang mir irgendwie nicht, das schlimm zu finden. Als Betroffene bin ich da aber vielleicht parteiisch.

Worst case II. Leute finden gefallen am Verschleppen von Anträgen. Pünktlichkeit wird als Tugend entwertet, zumal von den Arbeitslosen, die damit ihre „Wiedereingliederungschancen“ ins Bodenlose senken. Die Gesellschaft fällt auseinander, weil niemand mehr pünktlich zu Terminen erscheint, nicht einmal privaten Verabredungen. Sozialkontakte werden unmöglich, die Vereinsamung der Menschen erreicht ihren Höhepunkt. Die Produktion bricht zusammen und vereinzelt wird wieder Subsistenzwirtschaft betrieben. Wer Feldarbeit nicht beherrscht oder nicht mag, verhungert kläglich. – Ich kann keine Hacke bedienen, da will ich auch nicht hin. Vielleicht haben die beim Amt doch recht. Im Gegensatz mir durchschauen sie die Zusammenhänge halt besser.

2 Responses to “Da wollen wir nicht hin”


  1. 1 elvira Juli 11, 2008 um 0:41

    Als kleines Menschlein kann man nicht so weit in die Zukunft schauen, dass man alles im Vorhinein abschätzen könnte. Eine größere Gruppe wie eine Behörde hat da manchmal den besseren Überblick. Allerdings auch nicht immer, weil manchmal dann die vielen Leute die Sicht verstellen. In dem Fall kann man allein mehr erkennen. Oder wenn man in der Behörde in der ersten Reihe steht. Man kann sich auch einen großen Stapel Bücher auftürmen und da drauf stellen, dann hat man oft einen guten Überblick. (Muss nur aufpassen, dass der Haufen nicht umfällt, wenn man gerade draufsteht und guckt.) Man kann die Bücher auch vorher lesen, dann hat man manchmal schon eine Orientierung, was es so alles zu sehen gibt, und dann kann man noch besser erkennen. (Muss man dann aber etwas überlegen, was man lesen wird, sonst kommt man vor lauter Rosamunde Pilcher gar nicht mehr dazu, die Welt anzuschauen. Das ist auch eine Gefahr beim Reinschauen, da muss man abwägen.)

  2. 2 alkohol Juli 15, 2008 um 16:49

    Ach, die Pilcher kann einem doch bestimmt einiges an Herzensbildung vermitteln. Sollte man dann vielleicht mal dem Sachbearbeiter auf den Schreibtisch legen.
    Obwohl – das würde einem dann als Bestechung ausgelegt werden.


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